Unn, Du armes Würstchen?

 

Ein völlig unpolitisches Gedicht.

 

Die arme Wurst, sie hat es schwer,

sie wär gern groß, sie wär gern wer.

Um sie herum das Wasser kocht,

wer hat ihr das nur eingebrockt?

 

Sie fragt das Würstchen neben sich:

„Weshalb bitteschön sind nicht

wir auch ein Angus-Steak geworden?

Als Würstchen kriegt man keinen Orden!“

 

Das Gegenüber – unbescheiden –

macht sich breit uns lässt sich treiben.

„Naja, ganz klar, der Grund liegt drüben,

an den Rindern dort, im Süden.

Die sind dort alle stinkend faul,

reißen auf ihr blödes Maul,

tun so, als ob sie besser sei’n

und alle fallen darauf rein.

Aber ganz ehrlich? Sind sie nicht!

Persönlich bin ich nicht erpicht,

ein ausländisches Steak zu sein.

Ich bleibe lieber sortenrein!“

 

Doch aus ‘ner Pfanne links vom Topf

kriegt jemand einen roten Kopf.

Ein Steak ist es , das ungewillt

mit Butter auf dem Teflon grillt.

 

„Entschuldigen Sie, wenn ich stör‘,

doch wo ich das gerade hör‘,

meine Mutter lebt hier schon

in neunter Generation!

Und faul, das waren wir noch nie!

Arbeit wollten wir, und wie!

Doch Fast Food wird halt immer mehr,

da hat als gutes Steak man‘s schwer.“

 

Die erste Wurst ist ganz verwirrt,

ob doch die zweite Wurst sich irrt?

Wer hat denn nun die Schuld, ja wer,

dass sie so gern was Bess’res wär?

 

In diesem Augenblick jedoch

betritt die Küch‘ der große Koch.

In seiner Hand: zwei Frikadellen,

mir einigen kaputten Stellen.

 

„Die hier“, brummt der Koch bestimmt,

aus einem and’ren Laden sind,

der, leider noch mit Fleisch randvoll,

bald abgerissen werden soll.

Deswegen, in den nächsten Tagen,

komme ich mit noch mehr Waren.

Das hab ich mir nicht ausgesucht!

Das Fleisch ist quasi auf der Flucht!

Es will ja noch gebraten werden

und nicht so sang- und klanglos sterben!“

 

Die Würste plustern groß sich auf:

Sie hör’n nicht zu, sie hau’n gleich drauf:

„Da kommen also immer mehr

aus unbekannten Läden her?

Die Butter brauchen, Töpfe, Pfannen,

Besteck belegen, Löffel, Zangen?

Die faul in uns‘ren Öfen liegen,

sich mit uns und sich bekriegen,

die anders riechen, anders schmecken,

Verbot’nes tun, sich gern verstecken,

um schließlich dann, als ganzer Batzen

neben uns im Topf zu platzen?!?“

 

Da mischt sich auch das Steak mit ein,

das sonst wollt‘ immer anders sein,

und ist auf einmal ganz erpicht,

zuzustimm‘ der Unterschicht.

„Da haben diese Würste Recht!

Mir wird schon beim Gedanken schlecht,

dass unsere gute Steakkultur

verloren geht, und alles nur,

weil dieses Fleisch dort frech uns sagt,

es flüchte und es KEINER wagt,

dies auch einmal zu überprüfen

anstatt sie alle zu begrüßen!“

 

Verlegen brummt ihr Chef da: „Doch!“

Und erntet nur ein „Lügenkoch!“

 

„Ach, sei’n Sie still“, das Würstchen brüllt,

während die Haut bedrohlich schwillt.

„Wir lassen uns nicht mehr belügen,

von Fleischverordnungen betrügen,

wir fordern harte Einfuhrquoten

für Fleisch in LKWs und Booten!

Deutsche Wurst für deutsche Kunden,

daran soll der Darm gesunden!“

 

Kleinlaut wirft der Koch da ein:

„Ich will ja nicht zu kleinlich sein,

doch ist das Angus-Steak ja auch

ursprünglich nichts für deutschen Bauch.“

 

„Ach hör’n Sie auf!“, das Steak da schreit

„jetzt gehen wirklich Sie zu weit!“

Und auch das Würstchen brüllt: „Egal!

Die Herkunft ist doch nur ‘ne Zahl!

Wir lassen uns nicht fertigmachen

von fremdem Fleisch und Veggi-Sachen.

Sie sehen ja nicht die Gefahr:

Für uns ist bald kein Senf mehr da!“

 

Und während es so schimpft und schreit,

vergisst die arme Wurst die Zeit.

 

Da gibt es plötzlich einen Knall!

In einem rosafarb’nen Strahl

ergießt sich nun ein feister Schwall

an überkochtem Mat’rial

mit ungesunder Hautstruktur

auf Wand und Decke, Tisch und Flur.

Und das, was sie von andern dachte,

worüber sie sich Sorgen machte,

passierte nun ihr ganz allein.

Sie platzte – um nie mehr zu schrei’n.

 

Ihr armen Würste, die ihr euch

mit allem, was da kreucht und fleucht

zu Würgidas zusammenschließt

und euch in Selbstmitleid begießt:

Denkt dran, dass wenn die Bombe platzt,

weil alles um euch rum ihr hasst,

ihr selbst die Bombe mit erfand‘t

und dann, mit Streichholz in der Hand,

betroffen da steht, etwas schmollt,

und sagt: „Das hammwer nich gewollt!“

Dann seid ihr wirklich ganz allein.

Ihr armen Würste, so wird‘s sein.

 

Ei dajeeh,

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