Unn, Vorsätze?

 

Na, gibt es euch noch? Oder habt ihr euch im Zuge der – Vorsicht, ein gesellschaftspolitisch-kritischer Seitenhieb direkt im ersten Satz – bereits wenige Tage nach Jahresbeginn von selbst wegrationalisiert? Tjaja, man muss sagen: Ihr passt überhaupt gar nicht in unsere Zeit, in der alles immer mehr werden soll. Wir wollen ja alle immer mehr: mehr Geld, mehr Zeit, mehr Entwicklung, mehr Sex, mehr Bindung, mehr Entscheidungsfreiheit, Meersalz. Aber ihr, liebe Vorsätze, wollt von allem weniger: weniger Pfunde, weniger Rauchen, weniger Alkohol, weniger Zucker und überhaupt von allem weniger, was zwar sauviel Spaß macht, allgemein aber als ungesund gilt. Aber seht ihr, genau da kratzt sich die Tatze am Schwanz: Euer Kopf kann sich nicht vornehmen, irgendetwas weniger zu machen, um gesünder zu sein, wenn der Bauch doch eigentlich mehr von dem will, was Spaß macht. Da können noch tausend Ratgeber darüber geschrieben werden, wie viel glücklicher man im Leben ist, wenn man auf Kaffee, Wein, Zucker, Fleisch, lange Nächte und kurze Röcke verzichtet: Die meisten von uns geben das ach so gesunde Leben nach spätestens einer Woche auf, in der wir uns im Anschluss an einen kurzen Sechskilometerlauf am Morgen einen entschlackenden und entgiftenden grünen „Smuuuuhsie“ gemixt haben, bestehend aus willkürlich im Biomarkt gegriffenen Kräutern und Gemüsesorten. Und weil hier kein Name einen Aha-Effekt im Erinnerungszentrum hervor ruft, fällt unsere Wahl bei solchen Selbstversuchen ja tendenziell auf diejenigen Pflanzen, die zumindest dem Namen nach klingen wie ein Urlaub im Süden: Helianthi, Violaceo di Verona oder Magentaspreen. Da die vollmundigen Namen mit der nostalgischen Kopfkinonote von Orangensaft, Erdbeereis und Zehensand aber nicht mit der grünbitteren Realität mithalten können, ist nach spätestens einer Arbeitswoche, in der man begierig auf das Fleischkäsebrötchen des Kollegen geschielt hat, auch schon Schluss mit dem neumodischen Trend, Mahlzeiten trotz ausreichend gesundem Bisswerkzeug flüssig zu sich zu nehmen – und das ganz ohne weiße Schaumkrone.

 

Trotzdem können sich Vorsätze, die auf ein gesünderes Leben abzielen, im 21. Jahrhundert hartnäckiger halten als noch in der guten alten Buttercremetortenzeit der 50er oder der rauchverquarzten internationalen Frühschoppenzeit der 60er und 70er Jahre. Zu viele Möglichkeiten gibt es heutzutage, um der Allgemeinheit der Facebook-Freunde zu beweisen, wie nachhaltig und bewusst man auf ökologische Fußabdrücke und orgiastische Selbstbeschränkung Wert legt. Als Vegetarier gilt man in diesen Kreisen ja schon als Mainstream-Monster, mit dem sich der wirklich gesunde Ernährungsexperte im Kampf gegen die Fleischindustrie zwar noch verbünden kann, das aber eigentlich aufgrund der breiten Fertigproduktpalette in standardisierten Supermärkten schon im Convenience-Bereich angekommen ist.

 

Überhaupt zeigen die Frischetheken der Supermärkte an, wer im Wettrennen um den ultrakorrekten Lebensmittel-Lifestyle noch hipper Trendsetter oder schon ewiggestriger Einheitsernährer ist, der sich sein gutes Gewissen mit viel zu geringem Aufwand erarbeiten kann. Grundsätzlich gilt: Wer den Gemüsehändler auf dem Markt nicht mit Handschlag begrüßt, im Drogeriemarkt nicht mehr Zeit vor den Körnermischungen als vor dem Shampooregal verbringt, den „Stadt, Land, Fluss“-Spielblock nicht um die Spalte „Altdeutsche Nutzpflanzen“ erweitern könnte und nicht mal einen selbst angepflanzten Kresse-Igel auf dem Fensterbrett stehen hat, ist raus. Ein Ernährungstrend hat die Start Up-Phase des ganzheitlichen Undergroundwissens in dem Moment verlassen, wo man sich ein entsprechendes Gericht – fertig vorgekocht – im Aldi kaufen kann. Ein Schicksal, das gerade den Veganismus trifft – vor dem ein Meter langen Regal des auf Sojabasis hergestellten Analogfleischs. Nur noch Packung aufreißen, anbraten und über den grünen Salat geben – fertig ist das vegane Mahl. Das ist natürlich viel zu einfach. Und so erleben andere alternative Ernährungsmethoden ihre Renaissance. Die Waerland-Kost zum Beispiel mit ihrem schmackhaften Getreidebrei „Kruska“. Kochen nach der chinesischen Elementenlehre, bei der auch die Gewürze einem der fünf Elemente zugeordnet werden und nacheinander – einem festen Zyklus entsprechend – dem Gericht beigegeben werden müssen. Oder die „Intensivkost nach Schnitzer“, bei dem selbst das Erhitzen der Nahrungsmittel verboten ist.

 

Aufgrund dieser vielen Möglichkeiten können sich 90% der Vorsätze, die bei den meisten Menschen auf einen gesünderen Lebenswandel abzielen, häufig länger halten. Schließlich gilt für mehr Sport dasselbe: Wer sich vornimmt, mindestens zweimal pro Woche laufen zu gehen und diesen Vorsatz nach anderthalb Wochen zu den Akten legen will, wird sicherlich über einen Artikel stolpern, nach dem renommierte Sportakademien in den USA herausgefunden haben, dass einmal Walken pro Woche mindestens genauso effektiv ist. Oder das konsequente Benutzen der Treppe statt des Fahrstuhls. Oder das Fahren mit dem E-Bike. Oder der Verzehr einen reifen Ananas vor Sonnenaufgang an ungeraden Tagen mit 5% Luftfeuchtigkeit.

 

Von daher macht ihr, liebe Vorsätze, uns vor allem deshalb das Leben schwer, weil wir mehr Möglichkeiten haben, weniger zu wollen. Aber ganz ehrlich? Mich kriegt ihr nicht. Denn ich bin ernährungspraktischer Relativist und überzeugter Vinotarier: Ich esse nur, was zu einem guten Glas Wein passt. Und das wiederum ist vollkommen relativ.

 

Ei dajeeh,

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