Unn, Hölzchen?

 

So häufig nimmt man dich als Wort ja nicht in den Mund. Holz in seiner Verniedlichungsform hat in der deutschen Sprache einfach kaum eine Existenzberechtigung. Schließlich sind wir nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern haben uns als vegetabiles Identifikationsobjekt gleich die schon sprichwörtliche „deutsche Eiche“ ausgesucht, die so ziemlich das Gegenteil vom putzigen kleinen Hölzchen ist. Selbst Raucher und Lagerfeuerromantiker (der eine, wie demnächst auch auf der Zigarettenpackung dezent ins Bild gesetzt, vom Sterben, der andere, wie wir bereits seit der Erfindung des Fernsehkaminfeuers befürchten konnten, vom Aussterben bedroht) vermeiden den Diminutiv und sprechen selbstbewusst vom StreichHOLZ.

 

Minihölzchen, die wir uns gerne an billigen Kellerregalen aus dem Baumarkt unter den Fingernagel rammen, heißen Spreißel, abgeplatzte Holzstückchen Splitter. Ja, es scheint fast, als würden wir uns als Waldvolk von Welt das kleine Hölzchen verbitten. Das ist eigentlich schade. Hölzchen ist schließlich ein ausnehmend niedliches Wort, so wie Döschen oder Häschen oder Mäntelchen. In anderen Sachgebieten nutzen wir die kleinen Endungen -chen und -lein ja auch mit Wonne: Nickerchen klingt schließlich viel besser als Büroschlaf (auch wenn das der Chef bisweilen anders sieht), ein Würstchen in Ehren kann auf der Waage kaum vergleichbar zu Buche schlagen wie eine Bockwurst mit Senf, und das zuckersüß gehauchte „Dickerchen“ hat im Vergleich zu „Dicker“ schon manche Ehe gerettet (jedenfalls dann, wenn es von der Frau ins Ohr des Mannes gehaucht wird; umgekehrt zeigt selbst die schönste Verniedlichungsform ihre häßliche Fratze). Überhaupt sind in der Ehe Verniedlichungen Trumpf, wenn sie an der richtigen Stelle angebracht werden: Mäuschen, Schätzchen und Bärchen können auf der heimischen Couch intimitätsförderlich sein, in der Öffentlichkeit verbittet sich der maskuline Mann jedoch solche stattlichkeitsverkürzenden Maßnahmen.

 

Das hat mit der schwierigen Rolle des modernen Mannes zu tun, der im 21. Jahrhundert zugleich John Wayne und Ed Sheeran, Haudegen und Hundewelpe sein soll. Treu, verständnisvoll und (ganz wichtig!) humorvoll, zugleich aber auch wild, unangepasst und draufgängerisch. Das kann nicht nur bei Florian Silbereisens Solokarriere, sondern auch bei jedem Mann von der Straße schrecklich schiefgehen.

 

Bevor jetzt aber aufgelöste Helene Fischer-Fans bei mir anrufen: Natürlich wollte ich nix gegen Flori sagen. Immerhin wuppt der Junge seit Jahren eine Millionen Zuschauer schwere Samstagabendshow. Das hat es seit Thomas Gottschalk nicht mehr gegeben, der nach seinem „Wetten dass…?“-Rücktritt unfairerweise auch den Haribo-Werbevertrag an Michael „Bully“ Herbig abgeben musste (so übrigens die offizielle Schreibweise. Wie ich diese Mittelnamen in Anführungszeichen hasse! Dann doch einfach B-Punkt. Hat bei Johannes Kerner doch auch geklappt! Aber das ist ein anderes Thema.).

 

Ja, die alten Helden gehen uns verloren. Kein Gummibärchen-Gottschalk mehr. Kein Johannes Paul II., der, so dachten wir als Kinder, irgendwie immer Papst bleiben würde, genauso wie Helmut Kohl Bundeskanzler, Richard von Weizsäcker Bundespräsident und „Tutti Frutti“ die verruchteste Show im deutschen Fernsehen. Naja, jedenfalls bis Nadja Abd el Farrag live ihre Brüste wiegen ließ. Danach war Tutti Frutti fast schon der Inbegriff des guten Erotikgeschmacks. Andere Zeiten, andere Sitten. Wobei das letzte Wort auch mit „T“ hätte anfangen können.

 

Hölzchen fangen hingegen immer mit „H“ an. Und kommen in meinem Leben verhältnismäßig häufig vor. Man wirft mir nämlich zuweilen vor, in meinen Texten gerne vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen. Was natürlich absoluter Blödsinn ist.

 

Ei, dajeeh,

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