Unn, Frühling?

 

Kürzlich hat sich mein guter Freund Horst ziemlich über Dich echauffiert. Wobei…so gut befreundet sind wir gar nicht.

Er ist meine erste und einzige Supermarktbekanntschaft. Wie genau es dazu kam, wissen wir beide nicht. Wir haben es schon zum gemeinsamen Emmentaler-Tasting an der Käsetheke, aber noch nie bis zum Nachnamen geschafft. Ich weiß nicht mal, wo Horst wohnt.


Unsere einzigen Begegnungen finden in meinem Stammsupermarkt statt, wo Horst, so scheint es mir jedenfalls, seine Heimstatt zwischen Gemüsesäften und Fertiggerichten bezogen hat. Und trotz seiner Vorliebe für fleckenintensives Vitaminpüree weiß ich auch: Das Feingeistige liegt Horst nicht so. Eine Ahnung davon bekam ich vor gut zwei Wochen, als ich noch Sekt kaufen wollte, berauscht vom feierlichen Gefühl, die ungefütterte Lederjacke, die ich mir auf der Suche nach einem Wintermantel im Herbstsale gekauft und dann reumütig im Schrank vergraben hatte, endlich tragen zu können. Sein schlurfender Gang war unüberhörbar. „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, was Horst?“, überraschte ich ihn mit den einzigen mir spontan einfallenden Zeilen des einzigen mir spontan einfallenden Frühlingsgedichts am Regal mit den Fertigravioli. „Komm, lass es!“, grummelte Horst zurück und wandte sich wieder den verschiedenen Nudelvariationen zu (Tomate/scharf/Gemüse). Ich gab nicht auf. „Heute lieber Maggi statt Mörike?“, startete ich einen weiteren, bildungsbürgerlichen Frontalangriff. Horsts Augen verengten sich. „Boah, hör mir doch auf mit blauen Bändern! Ich weiß ja nicht, was dieser Mörike geraucht hat, aber ich bin strikt gegen die lyrische Schönmalerei von Chemtrails. Wach auf!“ Und damit verschwand er hinter den Pesto-Gläsern.

 

Am Abend musste ich Horst bei einem Gläschen Perlwein und beim Blick in den Garten recht geben. Das Einzige, was bei mir im Garten flattert, sind die schwarzen Bänder der Gelben Säcke, die - während des Winters zu einem Eisklumpen trostloser Recycling-Fantasien zusammengefroren - nun wieder auftauen und beim ersten Märzsturm ihre brüchige Struktur offenbar werden lassen. Nur hoffnungslose Idealisten können im Aufplatzen oblatendünner Folienschichten, die sich in Karnevalsabteilungen vermutlich prima als bienengelbe 5 DEN-Strumpfhose zum Selbernähen verkaufen ließen, noch Romantik vermuten. Wie gerne hätte man das eigene Gewissen beruhigt und die stummen Zeugen der eigenen Edeka-Existenz dem vermeintlich sinnvollen Kreislauf der Wiederverwertung zugeführt. Doch nun kotzt der Gelbe Sack, aufgewacht aus seiner Tiefkühlexistenz auf der hauseigenen Terrasse, mit deren Bodenplatten er den Winter hindurch eine recyclingfeindliche Symbiose eingegangen war, alles wieder aus. Und man muss schon stark vergoldete Gläser in seiner Sonnenbrille haben, um den weiß-rot schimmernden Joghurtbechern, den Waschmittelflaschen und Nudelsalat-verpackungen in Büschen und Bäumen etwas Schönes abzugewinnen. Stattdessen fragt man sich, wie man DAS den Nachbarn erklären soll, denn der Wind kam im Moment des gelben Aufbegehrens aus Osten. Naja.

Vielleicht kann man sie dadurch wieder gutmütig stimmen, indem man all das tut, was der ordentliche Deutsche nach dem Sichtbarwerden der ersten, wärmeren Sonnenstrahlen eben so tut: Auto waschen, Fenster putzen, Hecke schneiden. Ich empfehle in diesem Zusammenhang allerdings die umgedrehte Reihenfolge. Schließlich kann der eigene Fleiß nur bei entsprechend sichtzulassender und das heißt: gestutzter Heckenhöhe auch straßenzugwirksam gewürdigt werden. Doch auch hier gilt: Geben ist seliger denn Holen. Das anerkennende Zunicken in Richtung des im Schweiße seines Angesichts rackernden Hobbygärtners, das lobende Schnalzen beim Anblick des säuberlich ausgesaugten Familien-PKWs, ja, auch das erstaunte Hochziehen der Augenbrauen angesichts akkurat vom Eise und Schmutze befreiter Rasen- und Heckenanlagen sollte zur Frühjahrsgymnastik jedes auf gedeihliches Zusammenleben ausgerichteten Nachbarn gehören, am besten in einer fast schon beiläufigen Bewunderung, die das Gegenüber stolz in die neue Gartensaison starten lässt. Und für jedes Lob, das man sendet, bekommt man eines zurück - so will es das bundesdeutsche Gartenzwerggesetz von anno Rübezahl.

 

In allererster Linie, lieber Frühling, bedeutest Du also Stress, da hatte Horst schon recht.

Denn nicht nur der Garten, auch man selbst muss ja in Form gebracht werden!
Und weil Du so viele Wochen hinter Neujahr und damit der ultimativen Zeit für kurzfristigen Selbstopti-mierungsaktionismus bist, muss der Mensch wieder komplett bei null anfangen in Sachen Motivation. Insbesondere für uns Frauen gibt es da einiges zu tun. Denn während der Mann im Hinblick auf die nun anstehende Grillsaison zu einem vernichtenden Ergebnis kommt, was die Langfristigkeit eventueller Gewichtsverluste angeht, und es deshalb gleich sein lässt, stürzt sich die Frau in PowerYoga-Spinat-Smoothie-LowCarb-CleanEating-Programme, auf deren wohlfeile Esoterikversprechen („Gehe auf eine Reise zu deinem inneren Shakren-Karma und treffe die Tennislehrer deiner früheren Existenzen!“) sie einen feuchten Chiasprossendreck gibt, wenn am Ende nur 3-5 Kilo

weniger auf der Waage stehen.

 

Und über all diese längerfristigen Vorhaben vergisst frau das Unmittelbare, das direkt Sichtbare, das kurzfristig Verbesserbare. Und wird sich dessen meist zum unglücklichsten Zeitpunkt bewusst. Da stellt sich Frau dann zum Beispiel zum gefühlt 500. Mal vor, sie läge gerade ausgestreckt im weichen Sandstrand einer fernen, exotischen Südseeinsel und nicht in einer 90 Grad gedrehten Hoppelhasenstellung auf dem schwitzigfeuchten Gummibezug eines Frauenarztstuhls, lässt den Blick erst in die Ferne und dann über die anatomisch beunruhigend nahe gerückten Knie auf den Beinablagen streifen. Unmittelbar darunter fängt das Elend an: Nicht nur, dass links und rechts des bis auf den Oberkopf aus dem Blickfeld gerückten Vaginalvoyeurs die kläglichen Überreste einer vor vier Monaten noch makellosen Pediküre wie Nagelruinen in die Behandlungszimmerluft ragen, höflich unkommentiert gelassen von den beiden makellosen jungen Arzthelferinnen, die nebenan bereitstehen, nein, noch viel schlimmer: Sanft durch die Zugluft des sich sacht zwischen Schambereich der Patientin und Schirmbereich des Ultraschallmonitors hin- und herwiegenden Gynäkologenkopfes in Bewegung gesetzt, schunkeln sich die zentimeterlangen Beinhaare wie nordsee-durchwehte Schilfpflanzen ins Blickfeld. Stimmt, da war ja was. Doch in diesem Moment bleibt nur die absolute Kapitulation vor dem eigenen Vergessen.


Und die nochmalige Gewissheit: von wegen blaue Bänder!
Horst hatte wirklich absolut recht!

Aber „Frühling lässt sein haarig Bein wieder flattern durch die Lüfte“

wäre vielleicht auch nicht so passend gewesen.


Ei, dajeeh,

 

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